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von Falko Hennig
Eine elegante ältere Dame öffnet uns die Tür: 70 Jahre mag sie
sein, aber auch Ende 60 würde man ihr noch glauben. Doch die frühere
Schauspielerin hat schon ihren 90. Geburtstag gefeiert. Wie frisch sie noch
ist, kann sie sogar mit einem Kopfstand demonstrieren. Karin Evans macht Tee
statt Kaffee, ihr Vater war Brite. Sie hat Kuchen gebacken, lacht und erzählt
mit ihrer ausdrucksvollen Stimme wie eine Frau in den besten Jahren.
Die große Tilla Durieux hat einst über sie gesagt: "Sie ist
eine begabte Schauspielerin, aber sie hat nicht alle Tassen im Schrank."
Erste Erfolge feierte die in Südafrika Geborene im Stummfilm, später
wurde sie eine anerkannte Bühnendarstellerin, hat im "Jedermann"
in Salzburg gespielt, im "Faust" und im Wintermärchen".
Das letzte Mal stand sie vor 31 Jahren in "Lügner und Nonne"
im Renaissance-Theater auf der Bühne. Danach ging sie freiwillig in den
Ruhestand. Eine Entscheidung, die die heutige Pendlerin zwischen Berlin und
Italien nie bereut hat.
Karin Evans' geräumige Wohnung gehört zur Wilmersdorfer Künstlerkolonie
(Küko), wo auch Klaus Kinski zeitweilig Quartier bezogen hat. Das Wohnviertel
am Ludwig-Barney-Platz hatte die Berufsgenossenschaft deutscher Bühnenangehöriger
(GDBA) in den 20er Jahren erbaut, später übernahm es die Gehag, die
es 1996 an die Frankfurter VEBA Immobilien AG verkaufte. Karin Evans und ihr
Mann, der Maler Wolf Hoffmann, zogen 1946 hier ein. Ihre schöne Atelierwohnung
in der Kurfürstenstraße war ausgebombt, danach hatte das Paar im
Heim des Kritikers Friedrich Luft Zuflucht gefunden.
Als das Ehepaar Evans-Hoffmann die Wohnung in der Laubenheimer Straße
bezog, konnte man den Himmel sehen, ohne ans Fenster gehen zu müssen. Eine
Luftmine hatte eine Ecke vom dritten Stockwerk bis zur Decke aufgerissen. Auch
sämtliche Fenster und eine Wand fehlten. Durch ihre britische Verwandtschaft
bekam Karin Evans Fensterscheiben für die Küko-Wohnung stückweise
zugesandt, die fehlende Wand dagegen kam dem Maler Hoffmann gerade recht, ließ
sich doch der so entstandene große Raum als Atelier nutzen.
Fast jeder Gegenstand bei Karin Evans hat eine Geschichte, das Sofa und die
Sessel, die sie damals auf der Straße fand, die Lampe, die ein Freund
gebastelt hat. Diese Lampe ist von zeitlosem Design. Schwer zu glauben, daß
sie schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gefertigt wurde, selbst in einem modernen
Geschäft würde sie nicht veraltet wirken. Hier hängt sie an einem
Lampenhalter, der vor dem Krieg einen Eisenladen schmückte.
In allen Zimmern hängen Bilder und Grafiken ihres vor 19 Jahren nach einem
Autounfall verstorbenen Mannes Wolf Hoffmann, der zwanzig Jahre lang als Professor
an der HdK tätig war, an den Wänden. Vieles ist auch in Regalen und
in langer Reihe auf dem Boden gestapelt. Es sind circa 40 Bilder und 200 Grafikmappen.
Karin Evans möchte die Bilder gern verkaufen - und die schönsten doch
behalten. Das Berlin-Museum wollte sie als Stiftung nehmen. Doch dann würden
sie verschwinden und höchstens zu Sonderausstellungen einzeln und für
ihre Begriffe viel zu selten gezeigt werden. Am liebsten wäre es Frau Evans,
wenn jemand den ganzen Nachlaß übernehmen würde, aber ihr selber
die Bilder an den Wänden noch ließe.
Die Gegenstände und ihre Geschichten: Die interessanteste ist die von ihrem
Bett. William, ein Redakteur der vor dem Krieg renommierten Zeitschrift "Der
Querschnitt", hatte sich in die junge Schauspielerin verliebt und wollte
sie mit Geschenken überchütten. Doch er konnte bei ihr nicht landen,
außerdem wollte sie, altmodisch wie sie war, "nur Vergängliches"
und meinte Blumen. Jedoch stachelte diese Einschränkung nur den Erfindungsreichtum
des Verehrers an.
So kamen Karin Evans und ihre Freundin "Luluchen", die damalige Frau
von Curd Jürgens, einmal von der Ostsee nach Hause zurück, und durch
das Zimmer war ein Seil mit geräuchertem Fisch gezogen. Vom Balkon im fünften
Stock blinkte Licht, und er war dicht mit Ostseesand bedeckt. An der Brüstung
eine Projektion vom Meer mit Portraits von Karin und Lulu, dazu ein blinkender
Leuchtturm, einen halben Meter groß.
Auch eine "singende Klorolle" sollte so "nicht Vergängliches"
sein und schließlich ein ganzes Renaissance-Schlafzimmer, das er "nur
unterstellen" wollte.
Der sächsische Jude mußte emigrieren, das Ehepaar Hoffmann-Evans
konnte später das Bett nach Werder auslagern, doch ging dabei der Baldachin
mit den gedrehten Säulen verloren. Sonst nicht ernsthaft beschädigt,
kam es in die neue Wohnung in der Küko. Dort spürte es der Verehrer
nach dem Krieg wieder auf. Er kam in einem Jeep, in amerikanischer Uniform und
mit einem Cowboyhut auf dem Kopf. Doch das Bett blieb, wo es heute noch steht.
Stolz ist Frau Evans auch auf den Miesbacher Schrank, den sie auf einem bayerischen
Bauernhof fand. Der Bauer benutzte ihn, um Hühnerfutter darin aufzubewahren,
doch konnte Karin Evans ihn überreden, den Schrank gegen einen anderen
einzutauschen.
Der Tee ist längst alle, es ist dunkel geworden. Ein Nachmittag ist viel
zu kurz für ein so langes Leben, für so viele Gegenstände und
ihre Geschichten. Wir verabschieden uns von Karin Evans.
90 Jahre alt, wir wollen es immer noch nicht glauben.
Berliner Morgenpost vom 3./4. Oktober 1998
Teil IV der Serie "Wir Kinder vom Potsdamer Platz"
(Cafégeräusche, Geschwatze und Geschirrgeklapper).
Eigentlich war ich verabredet. Aber sie würde wohl nicht kommen. Da hörte
ich es zuerst, es waren nur Bruchstücke.
"Potsdamer Platz" hörte ich und "Riesenschwindel".
Ich wusste nicht, woher es genau kam, es war mir auch egal. Es passierte so
viel, das meiste war illegal und es war besser, man wusste nichts davon. Sie
entführten Kinder für Sexvideos, sie bauten die Glühbirnen mit
Absicht so, dass sie möglichst kaputtgingen. Und wenn man darüber
nachdachte, dann war das auch vollkommen logisch.
Ich bestellte mir einen Kaffee, die Kellnerin konnte ihre Müdigkeit nur
mühsam unter Schminke verbergen. Nein, es war besser, man wusste es nicht.
Man würde sich nur noch ein bisschen schlechter fühlen. Aus dem Stimmengewirr
hörte ich wieder:
"Riesenskandal" und "Wenn das rauskommt, Köpfe werden rollen,
das geht bis ganz oben."
Ich trank von dem Kaffee und war dann doch etwas traurig, dass sie nicht gekommen
war. Dann spürte ich es. Es war das Bier vom Vorabend, eins zu viel, und
was ich jetzt kommen spürte, nannte man Bierschiss. So ein Bierschiss kommt
so plötzlich, dass man sich tatsächlich in die Hosen scheißen
würde, wenn man nicht sofort eine passendere Gelegenheit findet. Ich stand
auf und versuchte zu den Toiletten zu kommen, ohne aufzufallen. Wieder waren
da von irgendwoher diese Satzfragmente:
"Mercedes Benz" und "Sony".
Ich war auf der Toilette. Es mussten noch alte DDR-Waschräume sein. Unmöglich,
dass man bei den heutigen Mieten noch so etwas Großzügiges baute.
Ich setzte mich und es kam aus mir heraus in der für Bierschiss üblichen
Konsistenz. Da hörte ich Leute kommen.
"Was wollen Sie damit sagen?"
"Was ich damit sagen will? Es ist doch klar, es ist ein gigantischer Betrug.
Ich bin durch Zufall dem größten Grundstücksbetrug Deutschlands
auf die Spur gekommen."
Jetzt war es zu spät für mich. Es war eine unangenehme Stimme. Jetzt
konnte ich mich nicht mehr geräuschvoll bemerkbar machen. Sie würden
dann wissen, dass ich ihre merkwürdige Geschichte gehört hatte, die
mich nicht interessierte. Es würde besser sein, ich blieb still.
"Gut, hier wir sind hier ungestört. Was genau haben Sie herausgefunden?"
"Der Potsdamer Platz, Sony und Mercedes Benz bauen da, haben Sie das schon
angeschaut?"
"Selbstverständlich, wie Sie wissen, bin ich der Immobilienanwalt
dieser Konzerne."
"Dann wissen Sie auch, wo da überall gebaut wird. Potsdamer Platz,
Gleisdreieck, Bülowstraße, allein drei U-Bahnhöfe lang ist nur
Baustelle. Und da bin ich stutzig geworden und habe mich gefragt: Wie groß
war denn der Potsdamer Platz überhaupt? Mir war schon klar, dass es ein
wichtiger Platz war. Aber so groß wie ein ganzer Stadtbezirk?
"Was wollen Sie damit sagen?"
"Ich war im Archiv. Alles konnten Ihre Helfer nicht beseitigen. Ich hab
alte Stadtpläne durchgesehen, ich war im Grundbuchamt. Wie ich gedacht
hatte, der Potsdamer Platz war ein ganz normaler Platz. Und jetzt ist der Potsdamer
Platz ein Gebiet, so groß wie der Tiergarten."
Ich hörte Schritte und traute mich nicht einmal, mir den Arsch abzuwischen.
Oben wartete mein Kaffee, während hier schmutzige Machenschaften besprochen
wurden.
"Ich hab alles rausbekommen. Und jetzt will ich meinen Anteil, nur eine
Kleinigkeit. Ich hab es mal überschlagen. Selbst zu dem symbolischen Preis,
den Sony damals bezahlt hat, müsste das zusätzliche Gelände 50
Milliarden wert sein. Beste Innenstadtlage."
Es blieb einen Moment ruhig.
"Jetzt verstehe ich Sie. Ich denke, wir werden uns schon einig. Gehen wir
wieder nach oben."
Sie verschwanden und ich wartete zur Sicherheit noch eine Weile. Ich ging nach
oben, trank meinen fast kalten Kaffee. Dann wollte ich los, so schnell wie möglich.
Ich war schon viel zu lange hier. Manche sagten, die Menschen wären nicht
schlecht. Aber mein Gott, wie sollte man es sonst nennen? Ich wollte bezahlen,
da geschah es. In der anderen Ecke des Cafés, ein kleiner, dünner
Mann mit wenig Haaren auf dem Kopf stand auf, griff sich an seine linke Seite
und sackte auf dem Boden zusammen.
"Einen Arzt, einen Arzt!", hörte ich eine Frauenstimme schreiben,
hysterisch und hässlich im Ton. Ich blickte hin zu diesem Mann, der auf
dem Fußboden lag, ganz allein mit seinem dünnen Haar und einem hässlichen
Chemiefaseranzug. Es hatte den Immobilien-Anwalt erwischt.
Es war nicht so, dass diese Stadt besonders schlimm war. Sie war normal, vielleicht
hässlicher und etwas offensichtlicher von den falschen Leuten regiert.
Notärzte kamen hereingerannt und hatten den dünnen Mann in einem Augenblick
auf ihrer Trage. Es schien mir, als ob einer in Schwarz neben der Trage lief,
der aus einem kleinen, dicken Buch vorlas. Aber das täuschte wohl. Es war
zu weit weg. Und ich wollte auch nicht neugierig sein.
Mir schien es noch einige Minuten, als wäre das Geschwatze ein wenig aufgeregter
als normal. Dann kam die Kellnerin, und ich bezahlte. Sie sah jetzt besser aus,
ihr Gesicht hatte eine frische Farbe. Sie bedankte sich für das Trinkgeld.
Ich hatte eine Eingebung:
"Sagen Sie, wann haben Sie hier Feierabend? Es klingt sicher albern, aber
ich würde Sie gern zu irgendwas einladen. Sie können sich aussuchen,
was."
Sie sah mich an, und ich bemerkte, dass sie schöne dunkle Augen hatte.
Sie überlegte einen Moment, dann sagte sie:
"Ich habe in einer Viertelstunde Schluss. Und so viel ist sicher: Billig
wird es nicht."
Sie verschwand in der Küche. Der Tag war trübe und grau. Aber man
musste ja nicht nach draußen gehen. Es gab viele Kneipen, Restaurants
und Cafés. Und es gab Wohnungen in Berlin. Es war alles halb so wild.
taz Berlin lokal Nr. 6438 vom 5.5.2001, FALKO HENNIG