Trabant (tschech.?) der; -en, -en: 1. a) Leibwächter eines Fürsten; Diener; b) abhängiger, unselbständiger Begleiter einer (einflussreichen) Persönlichkeit, Gefolgsmann. 2. (Plural) (ugs., scherzh.) lebhafte Kinder, Rangen. 3. = Satellit (2,3)"
Das Fremdwörterbuch der Dudenredaktion nennt sogar noch
eine vierte Bedeutung von "Trabant", doch (natürlich) fehlt jene
Erklärung, die dem Wort im zweigeteilten Deutschland geradezu symbolische
Bedeutung verlieh. Dies gilt mehr noch als für die Zeit der Existenz der
DDR für die Phase kurz nach ihrem Untergang, als sich nämlich hunderte
der vormals so hoch geschätzten "Begleiter" verlassen am Straßenrand
wiederfanden, da ihre Besitzer mittlerweile auf einen "Golf" oder
"Opel Astra" reflektierten. Wenn also ein 1969 in Ostberlin geborener
Autor einen Roman mit dem Titel Trabanten vorlegt, denkt der Leser natürlich
an Autos. Und diese Ahnung trügt ihn nicht. Dass aber auch die anderen
Bedeutungen eine wichtige Rolle spielen, lernt er erst im Verlauf der Lektüre.
Falko Hennig also erzählt von Autos, von Straßen, von Geschwindigkeit.
Oder besser, er lässt, im ersten und im dritten Teil des Romans, seinen
Helden selbst erzählen. Henry Täufler ist von frühester Kindheit
an von Fahrzeugen fasziniert. Er wächst auch am richtigen Ort für
seine Begeisterung auf, nämlich in der "Automobilbauerstadt"
Ludwigsfelde in Brandenburg. Ab 1936 produzierte Daimler-Benz hier Flugzeugmotoren,
im Krieg auch mit Zwangsarbeitern. Zur DDR-Zeit wurden die alten Werkshallen
zunächst für den Bau von Motorrollern, später auch von Lastwagen
genutzt. Heute steht in Ludwigsfelde übrigens wieder eine Autofabrik. Wenn
man von Ludwigsfelde die B 101 weiter fährt, kommt man nach Gut Kummersdorf,
wo unter der Leitung Wernher von Brauns bis zum Umzug nach Peenemünde die
Raketenversuche der Nazis stattfanden. Henry Täufler wohnt mit seinen Eltern
in jener Holzhaussiedlung, die damals für die Raketeningenieure gebaut
wurde. Und wie es der Zufall will, findet der neugierige Knabe auf dem Dachboden
Hinweise, dass es sich wohl um das Haus handeln muss, in dem der spätere
NASA-Guru selbst gelebt hat. Doch damit ist der merkwürdigen Zusammenhänge
nicht genug. Den mittleren Teil des Romans bilden Berichte einer Stasi-Informantin,
IM Tereschkowa, die offenbar auf Wernher von Braun in den USA angesetzt war
und ihre Aufgabe sehr ernst nahm. Sogar so ernst, dass sie sich von ihm schwängern
ließ. Aber ist jene Gisela, die nach einer Hippie-Party im Jahr der Mondlandung
dem Raketenmann einen fulminanten Orgasmus bescherte, auch die Frau, die dem
mittlerweile erwachsenen Henry erzählt, sein wirklicher Vater sei nicht
der "Papa", sondern ein Ausländer, "längst gestorben"
und auch "nicht die große Liebe"? Und Henry somit ein "Trabant"
des berühmten Wernher von Braun, der aber in einer ganz anderen Galaxis
seine Bahnen zieht? Eigentlich unmöglich, wenn man die Chronologie des
Romans ernst nimmt. Aber wer weiß?
Falko Hennig hütet sich vor Eindeutigkeiten. Dafür lässt er es
an Anspielungen nicht fehlen. So durchziehen Zitate aus Wilhelm Buschs Max und
Moritz den Roman, und Max und Moritz hatte von Braun auch seine beiden, 1934
erfolgreich in Kummersdorf gestarteten, Testraketen getauft. Überhaupt
scheint Hennig nach seinem autobiographisch angehauchten Episodenroman Alles
nur geklaut (1999) die Lust am literarischen Spiel überkommen zu haben.
Also muss erst einmal ein zünftiger fiktionaler Rahmen her. In einer nur
mit dem Ort ("Hikkaduwa, 298 Galle Road, Sri Lanka") gezeichneten
Vorbemerkung erläutert ein anonym bleibender Herausgeber, dass die "unter
dem Obertitel Trabanten vorgestellten Berichte, Tonbandmitschnitte und Auswertungen"
aus den Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der DDR stammten. Die Autorschaft
Henry Täuflers für den ersten und dritten Teil sei nur durch Indizien
nachzuweisen, während man die Identität IM Tereschkowas habe ermitteln
können. Dafür sei die Dame in ihren Auskünften allerdings äußerst
unzuverlässig. Aber nicht einmal der schon immer gehegte Zweifel am Wahrheitsgehalt
ihrer Berichte aus dem Zentrum der amerikanischen Raumfahrt habe verhindert,
dass die USA die Welt mit gefälschten Filmaufnahmen einer angeblichen Mondlandung
an der Nase habe herumführen können.
Wir bewegen uns also im Zwischenreich von Fakt und Fiktion, und auch hier ergibt
sich die Parallele zum historischen Wernher von Braun, dessen frühe Begeisterung
für die Weltraumfahrt gleichermaßen von den Romanen Jules Vernes´
und H. G. Wells´ wie von Hermann Oberths Sachbuch Die Rakete zu den Planetenräumen
(1923) geschürt wurde.
Das gleiche Phänomen meint Hennigs fiktiver von Braun auch bei einem frühen
Förderer seiner Forschung festzustellen: "Vielen ist Hitlers irrationale
Hoffnung und Begeisterung für Wunderwaffen rätselhaft geblieben. Ich
glaube, dass sie mit Karl May zusammenhängt, hast Du Karl May gelesen?
Überall schießen und stechen sich die Helden darin aus ausweglosen
Situationen, Wunderwaffen ..."
Den Trabanten des Raketenbauers zieht es nicht zu den Sternen, Henry Täufler
sind die Straßen genug. Die Leidenschaft für Autos, die sich auf
bizarre Weise mit Henrys sexuellen Vorlieben verbindet, ist das dominante Thema
der von ihm erzählen Teile des Buches, vom Mondmobil des Sandmännchens,
das der Zweijährige geschenkt bekommt bis zum Kübertrabbi, mit dem
er am Ende bei Tempo 110 auf der Avus verunglückt. Ob Henry bei dem Unfall
stirbt? Aber von wem hören wir dann den Schluss der Geschichte? Wer erzählt
hier wirklich? Und warum?
Soll uns vorgeführt werden, dass Technikbegeisterung manchmal das Bewusstsein
trüben kann? Das hat Tom Lehrer in seinem Wernher von Braun-Song (Don´t
say he´s hypocritical / Say rather he´s apolitical / Once
the rockets are up, who cares where they come down / That´s not my department,
says Wernher von Braun.) mit weniger Worten auf den Punkt gebracht. Oder handelt
es sich um einen satirischen Abgesang auf die automobile Gesellschaft und ihren
"Opferkult"? Kurz bevor er selbst den Geist aufgibt, hört Henry
nämlich diese unheilschwangeren Wort aus dem Munde seines verstorbenen
Vaters: "Niemand wurde gezwungen, mit Hingabe suchten sie sich aus bunten
Katalogen oder in speziellen Geschäften ihren ganz eigenen, so individuell
wie möglich gestalteten geräderten Sarg aus, den sie noch selber bezahlen
mussten. Aber niemand beschwerte sich." Doch wäre für eine solche
"Botschaft" der erzähltechnische Aufwand dieses Romans nicht
ein wenig überdimensioniert?
In seinem Debütroman hatte Falko Hennig auf bemerkenswert schlichte Art
und Weise davon berichtet, wie man sich mit kleineren Gesetzesverstößen
- Diebstähle in der DDR, Versicherungsbetrug nach der Vereinigung - durchs
Leben schlägt. Das Interessante an diesen Aufzeichnungen war der Anschein
völliger Normalität. Die jeweilige Gesellschaftsordnung gibt nur die
Spielregeln vor, an denen sich die Durchführbarkeit des Plans entscheidet.
Eine Rechtfertigung ist nicht vorgesehen. Auch den Helden seines neuen Buches,
für das Hennig seinen Erstling stofflich nicht unerheblich geplündert
hat, geht es in erster Linie um die Machbarkeit ihrer Vorhaben. Das gilt im
Großen für den besessenen Forscher Wernher von Braun, wie im Kleinen
für den Autonarren Henry Täufler. Und ist vielleicht ein spezifisch
deutsches Elend.
Freitag, 22.3.2002, Joachim Feldmann
Lesungen können dröge sein. Man kennt das: Dekorative Gemälde eines Hobbykünstlers auf Rauhfasertapete, Hausfrauenlyrik zu trockenem Rotwein. Es gibt aber auch viel lustigere Veranstaltungen. In der Brotfabrik Prenzlauer Berg sieht es zwar eher aus wie in einer Spandauer Vorstadtgalerie: Man sitzt artig auf Klappstühlen in Reih und Glied, bunte Bilder, Rauchen verboten. Der kurzhaarige Schriftsteller, der am Wochenende dort las, ist aber eine echte Entdeckung. Falko Hennig, von Lesungen im Schokoladen bekannt, hat einen Schelmenroman geschrieben. In sechzig Kurzkapiteln seiner Erzählung "Alles nur geklaut" (Maro-Verlag, 242 Seiten, 28 DM) entfaltet der 30jährige Berliner eine kriminelle Biographie zwischen LPG, FKK und NVA. Eine ganz normale DDR-Jugend, nur klaut der Ich-Erzähler wie ein Rabe. Bücher aus der Leihbibliothek, Schnaps aus der Kaufhalle, Westmüll von der Sonderdeponie. Hennig erzählt die Geschichte eines Taugenichts ohne den geringsten Respekt vor Volkseigentum. Die Wiedervereinigung wird von ihm als Professionalisierungschub in Sachen Kleinstkriminalität erlebt, plötzlich kann man auch Banken, Versicherungen oder Reiseunternehmen bescheißen, und das weltweit. In seinem lakonisch-nüchternen, völlig moralfreien Erzählgestus wirkt der Roman verdächtig authentisch. Nachdem Hennig das Buch mit einer lustigen Zeichnung signiert hat, tastet man lieber doch nach der Brieftasche. Sie ist noch da.
Tagesspiegel 23.6.1999, Bodo Mrozek