
Literatur im Kneipenkeller - in Berlin sind die Shows der
Vorlesergruppen "Surfpoeten", "Reformbühne Heim & Welt", "Chaussee der
Enthusiasten" und "L. S. D" zum beliebten wöchentlichen Treffpunkt Hun"
Furore machte, hat die Anthologie "Frische Goldjungs" herausgegeben. Es ist
erstaunlich, wie gut die Transformatioderter Fans geworden. Über zehn Jahre
nach den ersten Auftritten in "Dr. Seltsams Frühschoppen", der ältesten
dieser Bühnen, erscheint jetzt erstmals ein Buch, das Texte verschiedener
Vorleser präsentiert.
Wladimir Kaminer, der im letzten Jahr mit seinem Erzählungsband "Russendiskon
der Sprache aus den turbulenten Clubs ins Buch gelingt. Ein Großteil der
Faszination der Veranstaltungen geht auf deren Spontanität zurück.
Gefeiert werden dort nicht nur die Texte, sondern vor allem auch deren Präsentation.
Auf der Bühne nehmen sich die Autoren gegenseitig aufs Korn, suchen den
Kontakt zum Publikum, es wird gesungen und gebrüllt, berlinert und trunken
gelallt. Die Schrift dagegen bleibt nüchtern. Als "Frische Goldjungs" liefern
die ausgesuchten Autoren der Szene nun den Beweis, dass ihre Geschichten auch
schriftlich Spaß machen können. Das Buch unternimmt nicht den Versuch,
einen repräsentativen Überblick über die Vorleserszene zu geben,
sondern beschränkt sich weitgehend auf eine Autorengruppe mit Gemeinsamkeiten
in Biografie und literarischer Ambition. Bis auf Kaminer und Bov Bjerg stammen
alle der versammelten Autoren aus der DDR. Ein hoher Stellenwert kommt Erinnerungstexten
zu, die spielerisch die eigenen Erfahrungen im realsozialistischen Alltag und
nach der Wende karikieren. "Surfpoet" Ahne beschreibt den Zusammenhang seiner
Dichterkarriere mit dem Fall der Berliner Mauer, Falko Hennig erinnert sich
an die seelische Schmach, die der peinliche Cord-Anzug im Karottenschnitt ihm
bei der Jugendweihe zugefügt hat, Robert Naumann rächt sich schreibend
an Heinz Rudolf Kunze, für den er in Karl-Marx-Stadt vor einem Konzert
die Straßen fegen musste.
In diesen Geschichten geht es nicht um die Verherrlichung, wohl aber um die
Bewahrung einer verloren gegangenen Zeit, um den Triumph des Witzes über
die Geschichte: Die Ablehnung eines Gedichts durch die "Junge Welt" wird für
Ahne zum historischen Umschlagen von Quantität in Qualität: "Durch
die Ablehnung endgültig aller Illusionen beraubt, brach ich meine Verhandlungen
mit dem SED-Regime einseitig ab. Wenige Monate darauf zerbrach die DDR an den
Massendemonstrationen der Bürgerrechtler, der Fluchtbewegung über
Ungarn, der internationalen Isolierung und ihren eigenen Unzulänglichkeiten.
Ein wenig sicherlich aber auch an meiner Dichtkunst. "
Das Ankommen in der kapitalistischen Welt spielt eine besondere Rolle. Die Geschichten
über die erste Reise nach Norwegen und die Verwunderung über die Borniertheit
der westdeutschen Mitreisenden, über die eigene Naivität im Umgang
mit dem überflüssig breiten Warenangebot oder die Hürden bei
der Wohnungssuche auf dem freien Immobilienmarkt bieten einen spezifisch ostdeutschen
Blick auf den heutigen Alltag. Er beobachtet scharf und spöttisch, geschult
an Umbruchserfahrungen, das tägliche Treiben und erzeugt eine doppelte
Wirkung; erst Lachen, dann Denken. "Seit einem Jahr war ich Facharbeiter für
Betriebsmess-, Steuerungs- und Regeltechnik. Seit einem halben Jahr war ich
auf null Stunden Kurzarbeit. Ich bekam tausend Mark im Monat, ohne etwas dafür
zu tun. Ich war noch so jung und hatte schon so viel erreicht. " (Andreas Krenzke,
alias Spider)
So tief, wie Wladimir Kaminer es im Vorwort behauptet, musste er nicht graben,
um auf literarisches Gold im Berliner Untergrund zu stoßen, liest er doch
selbst seit Jahren auf der "Reformbühne Heim & Welt" und kennt die Kollegen
nicht nur als Literaten. Neu sind die Texte der Goldjungs nicht und doch sind
sie anders als so vieles, was unter dem Motto "Es wird wieder erzählt"
präsentiert wurde. Diese Texte haben ihren Ursprung im wirklichen Erzählen,
in der mündlichen Kommunikation vor und mit anderen. Auch aufgeschrieben
wirken sie erfrischend ungekünstelt. Wer daran gehindert ist, die Autoren
live auf einer der Vorlesebühnen zu erleben, kann sich einstweilen mit
der Lektüre des Buches darüber hinwegtrösten.
Berliner Zeitung, 30.6.2001