
von Falko Hennig
Es begann mit einem Briefwechsel, ich fragte das Kulturamt Andernach wie sie
zu einem Bukowski-Museum stehen würden, womöglich im Geburtshaus des
Dichters. Die Antwort kam prompt, ja, eine Gedenktafel wäre geplant, ein
Museum nicht, Besitzer des Hauses sei ein Herr Topp. Der schrieb sein Einverständnis
für eine solche Tafel, wollte uns auch gleich das Haus verkaufen für
ein Museum, aber dafür müssten wir die Mitgliedsbeiträge um 5000
% erhöhen.
Als nächstes fragte ich das Kulturamt Andernach, unter welchen Bedingungen
denn die Charles-Bukowski-Gesellschaft die Tafel "mitunterschreiben"
könne. Schließlich machten wir einen Deal, die Gesellschaft sorgt
für die Verwirklichung der Tafel samt Reliefbildnis, die Stadt bezahlt
den Preis einer normalen Tafel und schraubt sie an. Termin: der 78. Geburtstag
des Autors am 16. August 1998.
Und da begann der Ärger. Die Bukowski Gesellschaft hatte und hat immer
noch kein Geld. Meine erste Idee war, von der lebensgroßen Büste
in meinem Besitz einen halben seitlichen Abguss machen zu lassen, den man ja
dann nur noch "irgendwie flach" kriegen musste. Fertig wäre die
Gussform und Bukowski würde auf sein geliebtes Andernach schauen können.
Kunstgießer L. aus der Nachbarschaft meinte, technisch ginge eine solche
Verflachung schon, mit Laser und Computer, aber das war unbezahlbar. Ein Bildhauer,
der eine solche Reliefform anfertigen könnte, war mit ca. 1500 Mark auch
nicht im realistischen Bereich der Gesellschaftsfinanzen.
Glücklicherweise war Nachbar Ouzo Bildhauer. Ich fragte ihn, verwies auf
die klamme finanzielle Lage, er sagte trotzdem zu. Ich schleppte die Büste
zu ihm. Ab und an fragte ich ihn, wie weit er wäre. "Toll sieht es
aus, das Relief", sagte er dann, und: "Das muss nur noch trocknen
in der Werkstatt". Wochen gingen ins Land, langsam wurde es knapp. "Ist
die Form fertig?" fragte ich ihn. "Ich muss sie noch aus der Werkstatt
holen". "Es wird jetzt langsam eng", sagte ich, "können
wir nicht einfach zusammen hinfahren und sie abholen?" Aus irgendwelchen
Gründen ging das nicht.
Ich telefonierte mit der Gießerei in Heilbronn, die für Andernach
Gedenkplatten aus Aluminiumguss herstellten, die an allen möglichen Kirchen,
Türmen usw. hingen. Es war alles noch viel eiliger, als ich befürchtet
hatte. Sie brauchten die Form innerhalb weniger Tage, erst dann könnten
sie einen Kostenvoranschlag machen. Ich machte bei Ouzo einen Zettel ran, mit
der Frage, was los sei. Die Tage vergingen, dann traf ich ihn wieder im Treppenhaus.
"Was ist mit der Form?" fragte ich. "Sieht ganz toll aus",
sagte er. "Wo ist sie?" "In der Werkstatt, aber da ist jetzt
keiner." "Dann gib mir doch die Telefonnummer der Werkstatt, dann
ruf ich da an und hole die Form ab, sobald es geht." Er schrieb sie mir
auf und ich begann, dort anzurufen.
Nach Tagen ging endlich jemand an den Apparat. Ich sagte, dass ich die Form
abholen wolle, die, die Ouzo angefertigt hatte. "Hier ist keine Form. Und
von dem Ouzo habe ich seit Monaten nicht mehr gehört. Wo ist der denn jetzt?"
Ich glaubte wahnsinnig zu werden, machte Ouzo wieder einen Zettel an die Tür
mit dicken Fragezeichen und drei mal unterstrichen: WO IST DIE FORM? Ich hörte
merkwürdige, beunruhigende Sachen über Ouzo. Er hätte einen Gehirntumor,
müsste operiert werden, niemand wisse, wo er sei, vielleicht in der Schweiz
bei einem Spezialisten.
Er meldete sich nicht, ich wusste nicht, was ich Kulturamt Andernach und der
Gießerei noch sagen sollte. Da hörte ich es krachen in Ouzos Wohnung.
Ich klopfte, Ouzo machte mir auf, seine Augen glänzten unnatürlich
und er bat mich rein in die Küche. Dort sah es aus wie nach einem Bombenanschlag,
alles war voller Gips, und auf dem Tisch stand, ich konnte es nicht richtig
glauben, tatsächlich eine Form. Die Säufernase, das selbstzufriedene
Grinsen, ja, das könnte er sein.
Noch nass schickte ich das Teil auf die Reise, Ouzo begab sich wegen seines
Gehirntumors in die Schweiz zu einer Operation. Nach einigen Tagen schickte
die Gießerei in Heilbronn einen Kostenvoranschlag: fast 10 000 Mark. Völlig
unbezahlbar, ob nun fürs Kulturamt Andernach, für die Gesellschaft
oder für alle zusammen. Damit schien es gelaufen, keine Gedenktafel, zu
teuer, aus und vorbei. Als ich das dem Kunstgießer L. erzählte, sagte
der: "Wieso macht ihr sie nicht aus Beton?"
Das wars, er könnte sie anfertigen für unter 1000 Mark, ich gab ihm
den Auftrag, es waren nur noch wenige Tage bis zum 1. Charles Bukowski Symposion,
bei dem die Tafel enthüllt werden sollte. Die Platte wurde nicht fertig,
Gießer L. war weder telefonisch noch sonst irgendwie zu erreichen. In
mir wurde die schlimme Ahnung zur Gewissheit, dass die Welt zu einem beunruhigenden
Prozentsatz aus Wahnsinnigen bestand.
Dann, nachdem ich 20 mal auf den Anrufbeantworter von L. gesprochen hatte, erfuhr
ich endlich, was los war. Die Platte hatte Risse, er werde eine neue machen,
bis Anfang September habe er sie fertig. Anfang September rief ich an, bis Mitte
des Monats wäre sie dann wirklich soweit, sagte L. Mitte des Monats wieder
dasselbe. Und so ging es immer weiter, die Monate vergingen, ich wurde gelb
im Gesicht, misstrauisch gegen jeden und stieß gegenüber meinen Bekannten
verbitterte Flüche aus.
Doch dann, ein halbes Jahr nach dem vereinbarten Termin, ein Wunder: Gießer
L. ruft an und sagt: "Sie ist fertig!" Ich fahre mit dem Auto hin,
und tatsächlich steht sie dort bei ihm, die große Platte aus dunklem
Beton mit der Aufschrift: In diesem Haus wurde Charles Bukowski geboren.
Der Gießer hieft das schwere Teil in den VW Passat, ich mache noch ein
Foto. Ich fahre zu Kaisers, hinten beim Flaschenstand frage ich nach einer möglichst
großen Kiste. Der Angestellte gibt mir eine Bananenkiste, draußen
stelle ich fest, dass da nicht mal eine halb so große Platte hineinpassen
würde.
Ich fahre weiter zum Buchatelier P. Wilson, tatsächlich kann mir der Verleger
und Buchbinder Ralf Liersch mit einem Karton aushelfen, der groß genug
ist. Sogar von diesen Plastfolien mit den kleinen Luftpolstern können sie
mir geben. Mit eigenem zerknülltem Altpapier versuche ich die Platte abzupolstern,
verdammt schwer das Teil. Nachdem ich den Karton mit Klebeband so gut es geht
verschlossen hab, merke ich, dass er dabei in Hundescheiße gestanden hat.
Da wird sich das Kulturamt Andernach freuen, wenn sie das riechen. Ich wische
es so gut es geht mit Zeitungspapier ab.
Mit dem riesigen Paket wanke ich ins Postamt, 30 Kilo, zu schwer. Nein, da wissen
sie auch nicht, wer sowas zustellt. Wieder zu hause rumtelefoniert, ja German
Parcel, für 30 Mark holen sie es von hier ab, sonst kann ich es in eine
Filiale bringen, Danziger Straße ist ein Tabakladen. Bei der Fahrt überlege
ich, was passierte, wenn ich stark bremste. Der Karton mit der 25 Kilo schweren
Betonplatte würde nach vorne sausen und mich erschlagen. Jedenfalls bei
einem Unfall, wenn ich irgendwo auffahren würde. Interessante Variante
für Spezialisten in Literaturkreuzworträtseln: Wie hieß der
Journalist, der von der Gedenkplatte für Charles Bukowski erschlagen wurde?
Die Enthüllung der Platte ist geplant für Samstag, den 13. März,
am Abend davor in der Bibliothek Andernach der Filmvortrag: Charles Bukowski
und der Film.