Bücher müssen verhindert werden

Dichten kompakt - Schreiben lernen in drei Tagen bei Walter Kempowski

Vom 15. bis 18. September 2000 findet im Haus Kreienhoop in Nartum (zwischen Bremen und Hamburg) das 42. Literaturseminar von Walter Kempowski statt. In diesem Jahr werden Martin Walser, Günter Kunert, Katja Behrens, Wulf Kirsten, Jörg Drews, Heinz Ludwig Arnold und Heimo Schwilk anwesend sein. Sie werden sich gemeinsam mit den Teilnehmern mit verschiedenen Aspekten des Schreibens beschäftigen, z. B. mit Lyrik, Tagebuch, Collage. Die Autoren lesen aus ihren Werken und diskutieren mit den Teilnehmern. Falko Hennig war im letzten Jahr dabei und berichtet im folgenden von seinen Erlebnissen auf der norddeutschen Literaturfarm.

Von Pankow nehmen wir einen Tramper mit, auch Schriftsteller, der über einen ukrainischen Linguisten promoviert. Auf der Autobahn Laster mit riesigem Smiley- Gesicht, Smarties, tippen wir, an der Seite steht dann »Happy Beton«. Auto mit Pferdeanhänger. Was wohl Leute aus dem Mittelalter denken würden, wenn sie die Umkehrung bei den Transportverhältnissen sähen, daß jetzt die Menschen die Pferde fahren. Und die Pferde erst, was die dann wohl denken. Auch eine Protestaufschrift: »Weg mit dem Transrapid«, darunter hat jemand ein Transparent gehängt: »Geschafft!!!«

Im Haus Kreienhoop, am Rande des Dorfes gelegen, treffen die Teilnehmer ein, zirka siebzig, Kaffee und Kuchen. Herr Kempowski spricht über Allgemeines, in bezug auf seinen Mitarbeiter Dr. Hempel: »Der weiß alles, was ich auch weiß. Manches sogar besser als ich. Denkt er.« 1963 Roman »Margot«, man solle die Verletzungen, Kränkungen, Wunden als Kraft begreifen. An Tagesereignissen nimmt man in die Prosa nur auf, woran man anknüpfen kann. Mangelnde Anerkennung mache auch ihm zu schaffen, niemand werde ihm je sagen: »Nun ist genug, nun hast du es geschafft.«

Dann äußert sich Kempowski zur Hemmung, warnt vor Alkohol, Zigaretten und Kaffee. Ein Haufen Zettel gebe Selbstvertrauen, das müsse man dann zum Laserstrahl bündeln. »Schreiben Sie das mit, das ist ein guter Satz!« Sein erstes Manuskript habe er 1961 beendet, erst '67 sei sein erstes Buch erschienen, wahrscheinlich hätten die sich gesagt: »Nun können wir es ihm nicht noch mal zurückschicken.« Dann nach Vollendung Hemmung vor dem Endprodukt, Ekel vor dem eigenen Werk, man liest es nur noch mal, wenn man muß.

Abendbrot im Niedersachsenhof, Titanic-Tisch nebenan mit Gerhard Henschel, Oliver Schmitt, der neuerdings auch noch Maria heißt, und Max Goldt. Später am Abend wieder auf dem Schriftstelleranwesen eine Schriftstellerrunde, Walter Kempowski und Max Goldt malerisch nebeneinander auf einem Biedermeiersofa. Auf meine Frage an den Hausherrn, ob er denn was von Goldt gelesen habe, antwortet er Goldt: »Meine Frau legt mir das immer hin, ich bin richtig eifersüchtig auf Sie!« Warum er diese Seminare mache? »Ich hoffe immer, daß die mir mal was schenken.«

Vortrag des Lektors Heinz Bittel, von dem Herr K. behauptet: »Er ist gern bereit, stundenlang mit Ihnen über Ihre Manuskripte zu reden.« Bittel: Der Lektor habe die Aufgabe, die Flut aufzuhalten, der Markt sei mit mittelmäßigen Büchern schon voll: »Bücher müssen verhindert werden.« Bittel kennt kein Beispiel, daß ein von ihm abgelehntes Buch ein Bestseller geworden wäre. Er verteidigt die Standardabsage: »Sonst handeln Sie sich ganz schnell eine Korrespondenz ein!« Es klingt, als spräche er von einer unangenehmen, ansteckenden Krankheit.

Herr Kempowski fragt nach Draht, glaubt kurz, daß es zieht. »Meine Mutter pflegte zu sagen: Mein Junge, bist Du im Zirkus geboren? - Dabei hätte sie es doch wissen müssen.« Und später: »Hüten Sie sich davor, was auszudenken. Das ist nicht Literatur, das ist Geschreibsel.«

Führung durch Fotosammlung und Tagebucharchiv, über der Eingangstür steht: »Den lieben Toten«. Auf einem Tisch ein Fax, G. Kiepenheuer bietet 5 000 Mark für ein 16-Seiten- Essay für ein Buch über die Elbe.

Spiegeleier mit Bratkartoffeln im Jägerhof, vom Nebentisch höre ich: »Haben Sie schon Herrn Lenz gesehen? Ganz blutunterlaufenes Auge, sah schrecklich aus. War wohl krank.«

Klaus Modick hat etwas den Sartre-Blick und wirkt sehr nett, liest über Rezeptionsgeschichte, Benjamin in seinem Baudelaire-Aufsatz, Tagebucheintragungen darüber, daß sein Roman schwer zu schreiben sei. Bald zäh und zu speziell, erste Fassung, zweite Fassung, Gliederung, Neukonzeption. Gegen Stifter wäre Proust ein Thriller. Dann Wortmeldung eines eigenartigen Monologisten, er sei von der Technik zum Malen gekommen, also gerade Striche, durch den Dank sei er zum Denken gekommen. Kempowskis Lesung aus »Letzte Grüße«, noch niemals fand ich das Wort Jurte so lustig. Bilde mir eine Art Raunen bei den Zuhörern ein, so was wie: »Ja, das ist jetzt mal ein richtiger Dichter!« oder »Der kann's ja wirklich!«

Kempowski: »Brandts Heide« von Arno Schmidt mal lesen. Und: Wer in seinem nächsten Roman das Wort »bitter« fände, würde ein anderes Buch von ihm geschenkt bekommen.

Dann Verabschiedungen, Stühle in den Keller bringen.


JUNGE WELT, 15.9.2000